Tschechischer Biochemiker Martin Jínek erhält den «Schweizer Nobelpreis»
26.10.2026 / 09:58 | Aktualizováno: 26.10.2026 / 10:07
Hinter einer der bedeutendsten Entdeckungen der modernen Biochemie steht auch ein tschechischer Wissenschaftler. Professor Martin Jínek von der Universität Zürich gehört zu den Pionieren der CRISPR-Cas9-Technologie, besser bekannt als «Genschere», mit der sich das Erbgut gezielt verändern lässt. Für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen erhält er nun den renommierten Schweizer Wissenschaftspreis Marcel Benoist 2026. Die Auszeichnung, die auch als «Schweizer Nobelpreis» bezeichnet wird, wird ihm am 5. November im Bundeshaus in Bern verliehen.
Der Marcel Benoist Preis wird bereits seit 1920 vergeben und zählt zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Auszeichnungen der Schweiz. Geehrt werden Forschende an Schweizer Institutionen, deren Arbeiten von besonderer Bedeutung für das menschliche Leben und die Gesellschaft sind. Das hohe Ansehen des Preises zeigt sich auch daran, dass elf seiner bisherigen Preisträger später mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Dazu gehören beispielsweise die Chemiker Richard Ernst und Kurt Wüthrich.
Von Bakterien zur Genschere
Die Forschung von Martin Jínek hat ihren Ursprung in der Natur, genauer gesagt in den Abwehrmechanismen von Bakterien gegen Viren. Bakterien können Teile der Erbinformation von Viren, die sie bereits angegriffen haben, speichern und diese bei einem erneuten Angriff wiedererkennen und bekämpfen. Genau diesen natürlichen Mechanismus hat Jínek gemeinsam mit anderen Forschenden zu einem programmierbaren Werkzeug namens CRISPR-Cas9 weiterentwickelt.
Vereinfacht gesagt funktioniert dieses Werkzeug wie eine hochpräzise Genschere. Ein RNA-Molekül führt das Protein Cas9 an eine bestimmte Stelle der DNA, wo diese gezielt durchtrennt wird. Dadurch können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezielt in das Erbgut eingreifen. Die Technologie hat völlig neue Möglichkeiten in der Medizin, Biotechnologie und Landwirtschaft eröffnet.
Der entscheidende Durchbruch gelang 2012, als Martin Jínek als Erstautor eine wegweisende Studie in der renommierten Fachzeitschrift Science veröffentlichte, die den Grundstein für die heutige CRISPR-Cas9-Technologie legte. Damals arbeitete er im Labor von Jennifer Doudna an der University of California in Berkeley. Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier erhielten 2020 für die Entwicklung dieser Methode zur Genomeditierung den Nobelpreis für Chemie. Auch die Schweizer Medien haben den wesentlichen Beitrag des tschechischen Wissenschaftlers zu dieser Entdeckung ausdrücklich hervorgehoben.
Von Třinec über Cambridge nach Zürich
Martin Jínek wurde 1979 im tschechischen Třinec geboren. Er studierte an der renommierten Universität Cambridge und absolvierte seine Doktorarbeit am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg. Nach mehreren Jahren Forschungstätigkeit in Berkeley wechselte er 2013 an die Universität Zürich, wo er heute eine eigene Forschungsgruppe leitet. Im Jahr 2024 wurde er zum ordentlichen Professor für Biochemie ernannt.
Seine wissenschaftliche Arbeit geht allerdings weit über die ursprüngliche Genschere hinaus. Im Mittelpunkt seiner aktuellen Forschung steht die Weiterentwicklung dieser Werkzeuge, insbesondere die Verbesserung ihrer Präzision und Sicherheit. Erste Therapien auf Basis der CRISPR-Cas9-Technologie sind inzwischen bereits zugelassen, beispielsweise zur Behandlung der Sichelzellanämie und der Beta-Thalassämie, zwei schweren erblichen Bluterkrankungen.
Jíneks Forschungsteam arbeitet zudem an einer neuen Generation von Werkzeugen zur Veränderung der DNA. Im März dieses Jahres stellte es in der Fachzeitschrift Science eine weitere bedeutende Studie vor, diesmal zur sogenannten bakteriellen Rekombinase. Das neue System ermöglicht es, grössere Abschnitte des Erbguts einzufügen oder zu ersetzen, ohne beide DNA-Stränge wie bei der klassischen Genschere durchtrennen zu müssen. An der Forschung waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Zürich und der ETH Zürich beteiligt.
Zwei renommierte Auszeichnungen innerhalb einer Woche
Der Marcel Benoist Preis ist übrigens nicht die einzige Schweizer Auszeichnung, die Martin Jínek in diesem Jahr erhält. Bereits am 30. Oktober wird ihm in Basel der Max Cloëtta-Preis für herausragende Leistungen in der medizinischen Forschung verliehen. Gemeinsam mit ihm wird auch die Endokrinologin Mirjam Christ-Crain von der Universität Basel ausgezeichnet.
Die feierliche Verleihung des Marcel Benoist Preises findet am Donnerstag, 5. November 2026, um 18.00 Uhr im Nationalratssaal des Bundeshauses in Bern statt. An der Zeremonie nehmen Bundespräsident Guy Parmelin, Ständeratspräsident Stefan Engler sowie der Botschafter der Tschechischen Republik in der Schweiz und in Liechtenstein, Tomáš Jan Podivínský, teil.
Im Rahmen derselben Feier wird auch der Schweizer Wissenschaftspreis Latsis verliehen. Die diesjährige Preisträgerin ist die Mathematikerin Susanna Zimmermann von der Universität Basel, die für ihre wegweisenden Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der algebraischen Geometrie ausgezeichnet wird. Die wissenschaftliche Auswahl der beiden Preisträger erfolgte durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF).
Zdeněk Eliáš, Wirtschaftsspezialist, Botschaft der Tschechischen Republik in Bern

