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Tschechisches Zentrum Berlin im Gespräch mit Martin Krafl: Tschechien als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2026

Martin Krafl ist Programmmanager des tschechischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse, der größten Buchmesse der Welt, und Direktor des Tschechischen Literaturzentrums. Als langjähriger Kulturmanager koordiniert er die internationale Präsentation der tschechischen Literatur und betreut zentrale Partnerschaften im deutsch-tschechischen Kulturbereich. Im Gespräch erläutert er die Hintergründe der Gastlandbewerbung, die Auswahl der Autorinnen und Autoren, neue Förderprogramme sowie die Perspektiven der tschechischen Literatur nach Frankfurt 2026.

Tschechien wird 2026 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Wie wird man Gastland – muss man sich bewerben oder wird man ausgewählt? Was passiert hinter den Kulissen?

Es gibt einen Wettbewerb. In unserem Fall waren drei Länder beteiligt: ein ozeanisches, ein baltisches und ein europäisches. Man führt Gespräche mit der Frankfurter Buchmesse, bei uns begannen sie 2019. Der Impuls war der Gastlandauftritt Tschechiens in Leipzig. Die Kolleg:innen aus Frankfurt/Main kamen auch mehrmals nach Prag und Brünn. Wichtig war außerdem ein Bidbook, in dem wir den tschechischen Buchmarkt, die Literaturbranche und das Konzept des Gastlandauftritts beschrieben. Die Entscheidung fiel im Oktober 2023.

Hat der Leipziger Auftritt 2019 etwas Konkretes gebracht?

Auf jeden Fall: 80 neue Übersetzungen ins Deutsche, 55 Autorinnen und Autoren auf der Buchmesse und deutlich mehr Interesse an tschechischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Das Projekt hat auch die kreative Arbeit vieler Akteurinnen und Akteure der Buchbranche unterstützt – Autor:innen, literarische Übersetzer:innen, Verleger:innen, literarische Agent:innen, Illustrator:innen, Grafiker:innen und Buchkünstler:innen. Die Verlagsöffentlichkeit und die Medien haben uns stärker wahrgenommen und auch in Tschechien selbst bekam die Branche mehr Aufmerksamkeit.

Ist es heute einfacher, deutschsprachige Verlage für tschechische Literatur zu interessieren?

Ja. Das ist für mich echte Nachhaltigkeit. Viele Verlage kennen uns und wissen, dass wir professionell arbeiten. Das schafft Sicherheit.

Wie stellst du die tschechische Literatur und Buchkunst vor? Was macht sie einzigartig?

Wir haben starke Autorinnen und Autoren der 1960er und 1970er Jahre und eine Samizdat-Tradition, die damals schon internationales Interesse geweckt hat. Zugleich gibt es seit 1993 eine neue Generation, die authentische und starke Geschichten erzählt. Sehr wichtig ist auch die Kinder- und Jugendliteratur, inklusive Illustration. Der Maulwurf ist weltweit bekannt, aber es gibt längst Nachfolger wie zum Beispiel die Sockenfresser. In den letzten Jahren wecken auch starke weibliche Stimmen und sozialkritische Themen Interesse. Erfolgreich sind inzwischen auch tschechische Comics, zum Beispiel in Großbritannien oder Frankreich.

Tschechien wird sich 2026 unter dem Motto „Czechia, a country on the coast“ präsentieren. Warum dieses Motto?

Der tschechische Humor und unsere Melancholie sind darin enthalten. Obwohl wir ein Binnenland sind, hat uns Shakespeare im „Wintermärchen“ an die Küste versetzt. Wir möchten fragen: Was ist überhaupt eine Küste? Eine Grenze? Ein Anfang? Ein Ende? Wir bespielen unterschiedliche Küsten – der Fantasie, der Menschlichkeit, der Kreativität – und hoffen, die tschechische Literatur in den Ozean der Weltliteratur zu führen.

Nach welchen Kriterien werden Autorinnen und Autoren für Frankfurt ausgewählt?

Es ist nicht leicht, deshalb haben wir klare Kriterien. Erstens braucht es eine neue deutsche Übersetzung, erschienen 2025 oder 2026, beziehungsweise 2024 mit Zuschuss des Kulturministeriums. Zweitens muss die Autorin oder der Autor physisch und aktiv teilnehmen können. Drittens soll der deutschsprachige Verlag mitmachen und die Präsentation unterstützen. Falls es zu viele oder zu wenige Namen gibt, helfen Nebenkriterien wie neue Übersetzungen in eine Weltsprache (Englisch, Französisch, Spanisch), relevante Literaturpreise seit 2020 oder eine thematische Verbindung zum Motto.

Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds hat ein Sonderprogramm aufgelegt. Worum geht es dabei?

Der Zukunftsfonds investiert etwa 280.000 Euro. Die Ausschreibungen laufen vierteljährlich bis Mitte 2026. Das Programm „Der Weg zu uns“, inspiriert von Jan Skácel, unterstützt Aktivitäten, die die tschechische Literatur in Deutschland propagieren, fördert deutsche Übersetzungen und richtet sich auch an Bohemistinnen und Bohemisten sowie Übersetzerinnen und Übersetzer. Die Mährische Landesbibliothek und das Tschechische Literaturzentrum haben außerdem eigene Ausschreibungen für Projekte im deutschsprachigen Raum Jahr 2026 vor.

  • Alle Informationen zum Gastlandauftritt, zu den ausgeschriebenen Förderprogrammen finden Sie auf der Website: https://czechia2026.com/de/

 Gibt es Gedanken zur Nachhaltigkeit des Gastlandauftritts, über die Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse hinaus?

Seit fast zehn Jahren sind die deutschsprachigen Länder ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit. Nach Leipzig 2019 wurde klar, dass Autorinnen und Autoren Zeit brauchen, viele arbeiten hauptberuflich und können nur eingeschränkt reisen. Trotzdem wollen wir wie damals Echos des Gastlandauftritts veranstalten und sind unter anderem mit der Messe Buch Wien und den Deutsch-Tschechischen Kulturtagen in Dresden im Gespräch. Wichtig ist auch die internationale Perspektive. Ab 2027 wird die englische Sprache Priorität. Ehemalige Gastländer wie Finnland, Slowenien, Norwegen und Georgien bestätigen, dass Märkte in England, Amerika und Asien genau beobachten, welche Übersetzungen zum Frankfurter Gastlandauftritt erscheinen. Die Tür öffnet sich über die Buchmesse in Frankfurt. Langfristig hoffen wir einmal auf einen Gastlandauftritt bei der London Book Fair.

Gibt es Klassiker der tschechischen Literatur, die dir besonders am Herzen liegen?

Für mich auf jeden Fall Karel Čapek. Seine sprachliche Begabung, seine klare Stimme, seine zeitlosen Bücher. „Die weiße Krankheit“ wirkt heute – irgendwie erschreckend - aktuell. Čapek war einer der letzten Intellektuellen, deren Stimme in der Gesellschaft respektiert wurde. Ich freue mich, dass seine Werke im Ausland weiterhin gelesen und übersetzt werden.

Und gibt es in Tschechien einen literarischen Ort, an den du gerne zurückkehrst?

Die Prager Buchmesse Svět knihy im Mai – eher ein literarisches Festival als eine klassische Buchmesse, mit Zelten, Frühlingsluft und guter Stimmung. Und da ich oft in Brünn bin, mein Büro in der Mährischen Landesbibliothek. .

 

Das Gespräch führte Christina Frankenberg vom Tschechischen Zentrum Berlin im Februar 2024.

 

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